Familie: „Wir sind wirklich mit Liebe und Verständnis erzogen worden.“

Günther Roos wird am 4. Juni 1924 als zweites Kind der Eheleute Anton und Elisabeth Roos (geb. Charles) in der katholisch geprägten Kleinstadt Brühl in der Nähe von Köln geboren. Er wächst zusammen mit seinem 1921 geborenen Bruder Gustav in der Friedrichstraße auf. Die vierköpfige Kleinfamilie ist allerdings in großfamiliäre Strukturen eingebettet, was für Günther in seinem Leben eine prägende Rolle spielt. Der Familienverband besteht aus insgesamt 42 Onkeln und Tanten sowie mindestens ebenso vielen Vettern und Kusinen, die in regem Kontakt untereinander stehen.

 

Günthers Mutter entstammt einer alteingesessenen Brühler Bäckersfamilie. Ihr Vater führte ein profitables Geschäft auf der Brühler Kölnstraße und war zudem Ratsmitglied, zweiter Vorsitzender der Brühler Handwerker-Innung und darüber hinaus engagiert in verschiedenen Vereinen der katholischen Kirche. Die Familie zählte zum angesehenen kleinstädtischen Bürgertum. Aufgrund des überraschenden und frühen Tods von Günthers Großvater im Jahr 1910 musste seine Großmutter das Geschäft übernehmen und Günthers Mutter bereits in jungen Jahren in der Bäckerei aushelfen. Nach der Heirat mit Anton Roos im Mai 1920 übernimmt Elisabeth Roos dann aber die Rolle der Hausfrau und Mutter.

 

Vater Anton „Toni“ Roos wird am 31. Juli 1895 als Einzelkind wohlhabender Eltern geboren. Sein Großvater besaß eine Brauerei in Brühl und galt bei seinem Tod 1901 als einer der angesehensten und wohlhabendsten Bürger Brühls. Tonis Vater Gustav kann jedoch nie an diese wirtschaftlichen Erfolge anknüpfen und zeichnet sich eher durch Müßiggang und Reiselust aus. Aber obwohl die Brauerei 1902 verkauft wird, wächst Toni in einer immer noch wohlhabenden Familie auf. Dadurch entwickelt er bereits in jungen Jahren die Vorstellung, nie arbeiten zu müssen, weil er davon überzeugt ist, von den Zinsen des elterlichen Vermögens leben zu können. Diese Einstellung führt bei ihm zu einem unbeschwerten Lebensstil, der sich unter anderem durch regelmäßigen Genuss von Alkohol und Nikotin auszeichnet.

Aufgrund seiner Einstufung als „untauglich“ entgeht Günthers Vater zu seiner großen Freude dem Wehrdienst im Ersten Weltkrieg. Anders als viele seiner Zeitgenossen hat er schlicht „keine Lust“ auf einen gefährlichen Fronteinsatz und zeigt sich allgemein desinteressiert an politischen Dingen, die keine unmittelbaren Auswirkungen auf sein Privatleben haben. Um dem Ruf als „Drückeberger“ zu entgehen, verdingt sich Toni in der Folgezeit als Bankangestellter bei einer Bank in Eupen. Als er nach Kriegsende zu Banken in Köln wechselt, gelingt es ihm aufgrund erfolgreicher Aktien- und Devisenspekulationen hohe Geldbeträge zu erwirtschaften. So kann er trotz Inflation seinen ausgelassenen Lebensstil beibehalten.

Nach der Geburt der beiden Söhne eröffnet Toni Roos im Herbst 1924 zusammen mit einem – in der Familienüberlieferung nie namentlich benannten – „Franzosen“, den er im Rahmen seiner Banktätigkeit kennenlernt, einen Autosalon auf dem Hohenzollernring in Köln, der ein Jahr floriert und gute Gewinne abwirft. Obwohl beide Geschäftspartner sich erst kurzzeitig kennen, wird auf eine gegenseitige Absicherung im Geschäftsvertrag verzichtet, was schließlich dazu führt, dass Toni von seinem Partner betrogen wird, der sich mit dem gesamten Geld ins Ausland absetzt. Diese leichtsinnige Risikobereitschaft bedeutet den finanziellen Ruin von Familie Roos und den damit verbundenen sozialen Abstieg.

Als weitere Versuche einer Existenzgründung – unter anderem als Restaurantbesitzer und Vertreter für Teppiche – scheitern, muss die Familie aufgrund finanzieller Engpässe 1929 aus der großen Wohnung in der Friedrichstraße in eine wesentlich kleinere und der vierköpfigen Familie kaum ausreichende Zwei-Zimmer-Wohnung in der Kurfürstenstraße umziehen. Die wirtschaftliche Situation ist zu dieser Zeit desolat, und immer wieder auftretende Phasen der Arbeitslosigkeit von Toni Roos können nur durch die finanzielle Unterstützung der Großfamilie überwunden werden. Dennoch ist noch ausreichend Geld vorhanden, um wenigstens das Schulgeld zum Besuch des Gymnasiums für die beiden Söhne bezahlen zu können. Der Versuch der Familie, die gutbürgerliche Fassade trotz der Schwierigkeiten aufrecht zu erhalten, kann somit aufrechterhalten werden.

Aufgrund guter privater Kontakte zu Kölner NSDAP-Mitgliedern und einem wohl daraus resultierenden frühen Parteieintritt im Jahr 1929 findet Günthers Vater schließlich einen Weg aus der Arbeitslosigkeit. Er wird zunächst Kreiskassenleiter, Revisor und Geschäftsführer der NS-Hago, danach Leiter der Kassen- und Organisationsabteilung bei der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel, um dann 1937 aufgrund einer internen Umorganisation wieder entlassen zu werden. Im Zuge des „Westwall“- Aufbaus folgt 1938 eine Dienstverpflichtung bei einem Bauunternehmen an der luxemburgischen Grenze und über Umwege und erneut gute Kontakte 1939 eine Anstellung als Oberbauleiter bei der „Organisation Todt“ in Trier, später an der französischen Kanalküste, die nur durch Kurzeinsätze in Polen und in der Ukraine unterbrochen wird. In der langen Zeit väterlicher Abwesenheit besuchen die beiden Söhne Gustav und Günther ihren Vater regelmäßig in Trier und werden dabei sowohl Zeugen als auch aktive Teilnehmer der exzessiven Feiern und Trinkgelage der Westwall-Verantwortlichen.

 

Rückblickend beschreibt Günther Roos das Verhältnis zu seinem Vater als „kameradschaftlich“. Er sei zwar stets das Familienoberhaupt gewesen, habe aber völlig auf autoritäre Erziehungsmethoden verzichtet: „Wir sind wirklich mit Liebe und Verständnis erzogen worden.“

 

Günther Roos erinnert sich auch, dass sein Bruder Gustav völlig anders als er veranlagt gewesen sei. Gustav ist musikalisch und künstlerisch sehr begabt, musiziert in mehreren Gruppen, liebt Schlager- und Jazz-Musik und ist ein guter Maler und Zeichner, der politischen Themen und der NS-Ideologie eher desinteressiert gegenübersteht. Dennoch ist das Verhältnis der beiden Brüder überaus innig und intensiv.

 

Insgesamt verbringt Günther trotz aller wirtschaftlicher Turbulenzen eine sehr glückliche Kindheit innerhalb einer gutbürgerlichen und im katholischen Milieu verwurzelten Familie. Vor allem das umliegende freie Feld der Wohnung in der Kurfürstenstraße nimmt er als Kind als „herrliches Spieleparadies“ wahr, das – weil kaum durch Autos beeinträchtigt - ungeahnte Möglichkeiten für Günther, Gustav und die Nachbarskinder bietet, ihre Zeit mit Spielen der unterschiedlichsten Art zu verbringen.