Elternhaus und Religion: „Es war nicht von Gnade oder Liebe die Rede, sondern nur von Sünde und Verdammnis.“
Die Großfamilie Roos-Charles ist tief im katholisch-kleinstädtischen Milieu verankert. Als in dieser Hinsicht störendes Element erweisen sich dann jedoch die Erlebnisse von Toni Roos während seiner Schulzeit im erzbischöflichen Konvikt in Bad Münstereifel, das er wegen schlechter schulischer Leistungen für zwei Jahre besuchen muss. Diese Zeit bewertete er später als die „grausigsten“ Jahre seines Lebens, die seine Einstellung zur katholischen Kirche nachhaltig negativ beeinflussen. Nach 1918 bleibt er jeglichen Gottesdiensten fern und tritt in den 1920er Jahren schließlich aus der Kirche aus.
Trotz der Kirchenferne seines Vaters nimmt Günther den Einfluss der katholischen Kirche in seiner Kindheit als sehr prägend wahr. Seine Mutter fühlt sich dem katholischen Milieu weiterhin fest zugehörig, ohne – zumindest aus Günthers Sicht - übertrieben fromm zu sein. Obwohl in der Familie nie offen über Religion diskutiert wird, wird der Ablauf des Jahres maßgeblich durch kirchliche Feste bestimmt, die im katholisch geprägten Brühl von der gesamten Bevölkerung gefeiert werden. Außerdem besucht Günther regelmäßig die Gottesdienste, geht zur Kommunion und nimmt jedes Jahr an Pfingsten an einer Wallfahrt zum Dominikanerkloster im benachbarten Walberberg teil.
Trotz dieser Ereignisse, die Günther stets als schöne Momente wahrnimmt, entwickelt sich auch bei ihm zusehends ein skeptisches bis kritisches Verhalten gegenüber der Kirche. Ein maßgeblicher Anteil daran kommt nach seiner Erinnerung dem Brühler Oberpfarrer Fetten zu, der nach 1933 als erbitterter Gegner des Nationalsozialismus auftritt und zudem eine äußerst strenge und rigorose Auslegung des Glaubens propagiert. Dessen Predigten über Verdammnis und Hölle rufen beim kleinen Günther mehr und mehr eine Atmosphäre der Angst hervor, in der die Sünde und das damit verbundene Verderben als Bedrohung vermeintlich hinter jeder Ecke lauern.
Die sich nach 1933 verschärfenden Spannungen zwischen Kirche und NS-Regime führen dazu, dass die katholische Kirche ihren zentralen Einfluss als Erziehungs- und Sozialisationsinstanz auch im katholisch geprägten Brühl zusehends verliert. Vorerst besucht Günther nach der Verdrängung des Religionsunterrichts aus den Schulen und dessen Verbot im September 1939 zwar noch den außerschulischen Religionsunterricht, verspürt aufgrund der Einflüsse des Jungvolks jedoch Widersprüche, die dann zu inneren Konflikten mit der Kirche führen. Den Kampf um Günther Roos wird die Kirche in den Folgejahren verlieren.