Elternhaus und Politik: „Für ihn als gescheiterten Mittelständler schien das Programm der Hitlerpartei absolut einleuchtend.“

Politische Themen spielen in Günthers Elternhaus zwar eine eher subtile, in ihrer Bedeutung auf den Heranwachsenden jedoch nicht zu unterschätzende Rolle ein. Eine besondere Bedeutung kommt dabei der Großtante Emilie Roos zu. Aufgrund ihres guten Verhältnisses zu Günthers Vater Toni unterhält sie auch zu ihm regen Kontakt und nimmt damit erheblichen Einfluss auf die Erziehung ihres „erklärten Lieblings“. Vor allem in ihren letzten Lebensjahren entwickelt sie - mehr aus irrational-emotionalen denn aus politischen Gründen - eine glühende Begeisterung für Adolf Hitler. Sie ist es dann auch, die dem erst achtjährigen Günther im Frühjahr 1933 seine erste Jungvolk-Uniform kauft, die er bei Besuchen stets präsentieren muss.

Günthers Vater Toni ist politisch nahezu vollkommen desinteressiert. Dennoch unterhält er nach seinem wirtschaftlichen Niedergang vermehrt Kontakte zu Kölner Nationalsozialisten. Er passt in Zeiten der Wirtschaftskrise als geld- und arbeitsloser Mittelständler sehr gut in die Zielgruppe der aufstrebenden Partei.

 

Der Parteieintritt erfolgt Mitte 1929. Es passt wohl zu Toni Roos‘ Wankelmut, dass er bereits im November des Jahres wieder aus der NSDAP ausscheidet, um dann unmittelbar nach der NS-Machtübernahme wieder einzutreten. Die Parteimitgliedschaft bedeutet für Toni Roos vor allem gute soziale Beziehungen, eröffnet ihm berufliche Perspektiven und war somit offenbar eher durch pragmatische Vorteile denn aufgrund ideologischer Überzeugungen motiviert.

Das bedeutet jedoch keinesfalls, dass Toni Roos nicht rassistischen und antisemitischen Vorstellungen anhängt. Vorzugsweise in den Zeiten seiner Auslandsaufenthalte äußert er sich offen rassistisch, wobei davon auszugehen ist, dass er das im persönlichen Gespräch wohl noch nachdrücklicher getan haben dürfte. Das dürfte nicht ohne Einfluss auf den jungen Günther geblieben sein.

Besonders 1941 gibt sich Toni Roos im Rahmen seiner Aufenthalte in Polen und in der Ukraine als siegestrunkener Besatzer und bringt das durch die schnellen deutschen Kriegserfolge hervorgerufene Überlegenheitsgefühl der vermeintlichen „Herrenrasse“ sehr deutlich zum Ausdruck. Sein rassistischer Blick auf die als „Untermenschen“ diffamierten Menschen in der Ukraine paart sich dabei mit einem sehr ausgeprägten Antisemitismus, der in zahlreichen Briefen an die Familie zum Ausdruck kommt.

 

Neben der NS-Tageszeitung „Westdeutscher Beobachter“ gehören mit dem „Illustrierten Beobachter“ oder der von Goebbels herausgegebene Zeitschrift „Das Reich“ weitere NS-Blätter zur Standartlektüre innerhalb der Familie. Auch den Rundfunkübertragungen der Reden Hitlers lauscht Günther von früher Kindheit an stets mit großer Begeisterung. Die zahlreichen Filme, die der regelmäßige Kinobesucher sieht und in denen der NS-Weltanschauung oftmals ein zentraler Stellenwert zukommt, verfehlten ihre tiefgreifende Wirkung auf den jungen Günther ebenfalls nicht.

 

Auch die Olympischen Sommerspiele 1936 stellen für ihn ein zentrales Erlebnis dar, das von einem öffentlichen Hochgefühl begleitet wird, in dem nicht zuletzt die vermeintliche „Überlegenheit der nordischen Rasse“ zum Ausdruck kommt

Insgesamt betrachtet fällt Familie Roos zwar nicht unbedingt durch übermäßigen Aktivismus im Sinne der NS-Ideologie auf, sie ist aber - wie die meisten ihrer Zeitgenossen - voll und ganz in den NS-Staat integriert und von dessen Zielen und Erfolgen überzeugt.