„Anschluss“ Österreichs und Pogrom: „Ich habe bedauert, dass ich nicht dabei gewesen bin.“

Wie nahezu alle Deutschen und die meisten Österreicher bejubelt auch Familie Roos im März 1938 den „Anschluss“ Österreichs als die „Heimkehr des verlorenen Bruders“. Günther ist begeistert von den Geschehnissen und genießt das allgemein herrschende Hochgefühl, das unter der Propagandaparole „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ steht.

 

Die zuvor vorhandenen zahlreichen Kontakte zu jüdischen Bekannten und Nachbarn hat die Familie nach anfänglichem Zögern zu diesem Zeitpunkt längst abgebrochen und sich auch in dieser Hinsicht den Vorgaben des NS-Regimes willig untergeordnet. Das betrifft insbesondere den kleinen Günther, der sich in dieser Hinsicht ohne Arg instrumentalisieren lässt. Er wird schon zu Beginn der NS-Zeit mit weiteren Schulfreunden mit kleinen Klebeplaketten ausgestattet, auf denen steht: „Wer beim Juden kauft, ist ein Volksverräter!“ Ohne weiter hierüber nachzudenken, kleben die Jungen diese antisemitischen Schildchen auf dem Nachhauseweg auf die Schaufenster jener jüdischen Geschäfte, in denen ihre Familien jahrzehntelang eingekauft haben.

 

Einen ersten unrühmlichen Höhepunkt erlebte der sich ausbreitende Antisemitismus auch in Brühl im November 1938, als im allgemeinen Hochgefühl nach dem „Anschluss“ Österreichs und der Besetzung des Sudetenlandes Die Ereignisse der Pogromnacht am 9. November 1938 die Menschen beschäftigt. Weil die ortsansässigen NS-Schergen zunächst eine offizielle Genehmigung aus Köln abgewartet haben, kommt es in Brühl erst am Morgen des 10. November zur Eskalation. Bereits während der morgendlichen Schulzeit hören Günther und seine Klassenkameraden die Tumulte an der gegenüberliegenden Synagoge und sehen schließlich Rauch aufsteigen. Als die Klasse im Laufe des späteren Vormittags dann zum gemeinsamen Sportunterricht zum Stadion an der Vochemer Straße marschiert, passiert sie auch die brennende Synagoge. Der vorweg marschierende Sportlehrer, ein im Ort angesehene Studienrat, stimmt dabei einen antisemitischen Schmähgesang an, den die gesamte Klasse begeistert mitsingt.

Als Günther aus der Schule heimkommt, geht er nach dem Mittagessen mit seiner Mutter und seinem Bruder in die Stadt, um zuzusehen „wie dort die Geschäfte geplündert wurden.“ Er hat keinerlei Mitleid mit der jüdischen Bevölkerung, sondern bedauert lediglich seine auf reines Zuschauen beschränkte Rolle. Als die Mutter eine Situation beobachtet, in der sie annimmt, dass die Inhaberin eines jüdischen Textilgeschäftes aus dem Fenster ihrer darüber liegenden Wohnung geworfen wird, ist sie zutiefst geschockt. Obwohl sich schnell herausstellt, dass lediglich eine Schaufensterpuppe das „Opfer“ ist, zerrt Elisabeth Roos ihre beiden Söhne unter deren heftigen Protest nach Hause. Mitleid, Empörung oder gar Hilfsbereitschaft ist in dieser Situation jedoch auch bei der Mutter nicht auszumachen.