Schule in der NS-Zeit: „Jeden Montag wurde Flaggenparade gemacht."
Günther Roos wird im Jahr 1930 in die katholische Franziskusschule in Brühl eingeschult. Dort gehört er einer 45-köpfigen Klasse an, in der unter Lehrer Herber ein strenges Regiment herrscht, das durch den täglichen Einsatz des Rohrstocks aufrechterhalten wird. Dennoch beschreibt Günther Roos seinen damaligen Lehrer als guten Pädagogen, der es vermocht habe, sowohl Ordnung in die Klasse zu bringen als auch den Lehrstoff zu vermitteln.
Der Wechsel auf das Brühler Gymnasium erfolgt Ostern 1935 mit nur vier weiteren Klassenkameraden. Günther gehört somit zu den wenigen Schülern, deren Eltern sich das monatliche Schulgeld von 20 RM leisten können, was den Besuch des Gymnasiums zu „einer sehr elitären Angelegenheit“ macht. Als altsprachlich-humanistisches Gymnasium - Bruder Gustav lernt hier Latein, Altgriechisch und Hebräisch - weist das Brühler Gymnasium zu Beginn Der NS-Zeit zunächst weiterhin eine ausgeprägte katholische Orientierung auf, die beispielsweise in regelmäßig stattfindenden Schulmessen zum Ausdruck kommt.
Erste grundlegende Änderungen werden aber bereits im Mai 1933 spürbar, als die Schulbibliothek von Werken „gesäubert“ wird, die gegen den „deutschen und christlichen Geist“ verstoßen und nun durch die vermehrte Anschaffung nationalsozialistischen Schriftguts ersetzt werden.
Die grundlegende Wandlung des Gymnasiums in eine „perfekte nationalsozialistische Erziehungsanstalt“ vollzieht sich nach der Erinnerung von Günther Roos dann endgültig mit der Vereinheitlichung des höheren Schulwesens zur „Deutschen Oberschule“ im Schuljahr 1937/38 und dem fast zeitgleichen Amtsantritt des neuen Direktors Johann Bartels im April 1937. Er beschreibt den neuen Schulleiter rückblickend als ideologisch gefestigten Nationalsozialisten und kann sich vor allem gut an die jeweils montags stattfindenden Fahnenappelle erinnern, die mit dem Verlesen eines „Führerzitates“ durch den in Uniform auftretenden Direktor, dem Singen von Nationalhymne und „Horst-Wessel-Lied“ sowie dem Hissen der Hakenkreuzfahne abgehalten werden. Viele Lehrkräfte kommen zudem in Uniform zur Schule und tragen dort stolz ihre Parteiabzeichen zur Schau.
Am deutlichsten erinnert sich Günther Roos jedoch an die Umstrukturierung des Lehrplanes und die Veränderung des Stellenwerts einzelner Fächer im Rahmen neuer ideologischer Vorgaben. Statt Religion stehen nun die Leibesübungen an erster Stelle, die wiederum in die Kategorien „Leitathletik“, „Turnen“, „Schwimmen“, „Spiel“ und „Boxen“ aufgeteilt sind, die unabhängig voneinander benotet werden. Das Fach „Religion“ hingegen wird an das untere Ende des Zeugnisses verbannt.
Auch andere Fächer werden entsprechend ihrer NS-ideologischen Bedeutung in neuen Fächergruppen zusammengefasst auf dem Zeugnis entsprechend angeordnet werden. Den „Leibesübungen“ an erster Stelle folgt die „Deutschkunde“ (Deutsch, Geschichte, Erdkunde, Kunsterziehung, Musik), angeführt von der rassenideologisch wichtigen Biologie die Gruppe „Naturwissenschaften und Mathematik“ während „Fremdsprachen“ und „Arbeitsgemeinschaften“ – immerhin noch vor der „Religionslehre“ – den Abschluss des unter NS-Prämissen angeordneten Fächerkanons bilden.
Die ideologische Ausrichtung der jeweiligen Fächer, so erinnert sich Günther Roos, habe von der „Rassenlehre“ im Biologieunterricht über die „Schmach von Versailles“ und „2000 Jahre deutsche Geschichte“ im Geschichtsunterricht sowie dem Erklären von Flugzeugkonstruktionen im Physikunterricht bis hin zur Berechnung von Geschossbahnen im Mathematikunterricht gereicht.
Die ständige ideologische Indoktrination im Schulalltag bleibt weder bei Günther noch bei den meisten seiner Mitschüler ohne Folgen und wird in den folgenden Jahren ihre nachhaltige Wirkung entfalten. Während des Krieges leiden die Unterrichtsinhalte aber auch aus anderem Grund. Aufgrund der ab Mai 1940 einsetzenden nächtlichen Luftalarme und der immer zahlreichere Bombenangriffe beginnt der Unterricht oft eine Stunde später. Außerdem macht sich aufgrund immer neuer Einberufungen zur Wehrmacht der Mangel an Lehrerpersonal deutlich spürbar, so dass ein großer Teil des Unterrichts im Zweischichtsystem auf die Nachmittagsstunden verlegt werden muss.
Die Schule endet für Günther – sehr zu dessen Freude – am 25. Juni 1942 mit dem „Notabitur“. Ohne jegliche Prüfung erhält er seinen Abschluss, um schnellstmöglich den Arbeitsdienst (RAD) beginnen zu können, um anschließend zur Wehrmacht eingezogen zu werden.