Der Weg zum Jungvolkführer: „Freudig erfüllte Pflicht.“

Die Lebenswelt des nun vierzehnjährigen Günthers ist in diesem Alter einerseits weiterhin vollständig durch kindliche Verhaltensmuster geprägt. Lesen, das Spielen auf der Straße und mit seinem Freund Kurt Fröhlich, „Klingelmännchen“, Stabil-Baukästen und Brummkreisel sind die Freizeitvergnügungen, denen er sich mit großer Freude widmet.

Das Jahre 1939 bringt andererseits aber den Verlust von drei zentralen Bezugspersonen seiner Lebenswelt: Neben dem Vater, der zum 1. April 1939 eine Stelle in Trier annimmt und somit dauerhaft von der Familie getrennt ist, verlässt auch Bruder Gustav als Günthers größtes Vorbild zum 1. April Brühl, um seinen Reicharbeitsdienst (RAD) in Much anzutreten. Insbesondere diese Trennung vom Bruder bedeutet für Günther einen schmerzlichen Verlust, der zusätzlich noch dadurch erheblich schwerer wird, als sein bester Freund Kurt aufgrund schlechter schulischer Leistungen das Gymnasium verlassen und fortan ein Internat in St. Goarshausen besuchen muss. Diese Verluste forcieren bei Günther eine Neuorientierung, die unter anderem dazu führt, dass er verstärkt Kontakt zum Stammführer des Brühler Jungvolks, Peter Wieland, sucht.

 

Das rührt nicht zuletzt daher, dass Günther ja der HJ entgehen will und daher als einzigen Ausweg möglichst schnell einen Posten als Jungvolkführer benötigt. Geeignetes Führungspersonal im Jungvolk, dem laut Günther Roos zumindest in Brühl ein „Touch des Elitären“ angehangen habe, war nach wie vor knapp und rekrutiert sich fast ausschließlich aus den Schülern des örtlichen Gymnasiums. Daher fällt es Günther nicht schwer, seine Kontakte zu Stammführer Peter Wieland und anderen lokalen Jungvolkführern zu intensivieren und so neue soziale Kontakte aufzubauen.

Um selbst als Jungvolkführer Karriere zu machen, muss Günther zunächst eiligst das HJ-Leistungsabzeichen erwerben, was er aufgrund mangelnden Interesses in den Jahren zuvor vernachlässigt hat. Nun muss er sein „Leistungsbuch“, in das alle erforderlichen Prüfungen genau eingetragen werden, schnell komplettieren. Das Training und schließlich die Prüfungen (Turnen, Gepäckmarsch, Schießen, 3.000-Meter-Lauf, Geländedienst, Schwimmen, „weltanschauliche Prüfung“) bestimmen im Frühjahr 1939 Günthers Jungvolk-Alltag.

Daneben tritt er, um einer Einweisung in die HJ auch ganz sicher zu entgehen, neben dem „normalen“ Jungvolkdienst im Mai 1939 zeitweise auch der Sondereinheit der „Nachrichten-HJ“ ein. Die aus dieser Doppelbelastung folgenden zahlreichen Dienste nehmen ihn mehr und mehr in Anspruch. Günther empfindet das jedoch keinesfalls als Belastung, sondern spricht stattdessen von einer „freudig erfüllten Pflicht“.

 

Sein Engagement zahlt sich schließlich aus, denn am 4. Oktober 1939 wird Günther zum „Hordenführer“ ernannt und erklimmt somit die erste Stufe auf der „Karriereleiter“ im Jungvolk. Der Kriegsbeginn bringt es außerdem mit sich, dass sich die Anforderungen an Mitglieder der Hitlerjugend deutlich verändern: Botendienste, Altmaterial- und Spendensammlungen sowie Verteilung und Abrechnung von Marken des neuen Bezugsscheinsystems bestimmen von nun an den Jungvolkalltag ganz wesentlich.