Birkhof: „Die Sterbehilfe ist also etwas echt Christliches!“
Im Sommer 1940 ist Günthers Tagesablauf in starkem Maße von der Renovierung des maroden Gutshofs „Birkhof“ bestimmt. Dieser ungenutzte kleine Hof, der sich etwas außerhalb des Brühler Stadtgebietes befindet und den Jugendlichen damit eine ideale Aufenthaltsmöglichkeit abseits erwachsener Kontrolle bietet, wird vom Jungvolk in Eigeninitiative zum „Standlager“ ausgebaut. Günther ist an diesem Umbau und den Renovierungsarbeiten maßgeblich und mit großem Elan beteiligt, damit ab dem 5. August ein zweiwöchiges Sommerlager für die Brühler „Pimpfe“ im „Birkhof“ durchgeführt werden kann. Nachdem sie die „Pimpfe“ ideologisch geschult und bei Geländespielen beaufsichtigt haben, genießen die Jungvolkführer insbesondere die „lustigen Abende“. Nach dem „Zapfenstreich“ für die Zwölf- bis Vierzehnjährigen verbringen deren zumeist sechzehnjährige Führer ihre Abende häufig in einer nahegelegenen Gaststätte. Obwohl der alltägliche Jungvolkdienst weiterhin in den jeweiligen Brühler Stadtteilen verrichtet wird, treffen sich die Einheitenführer auch danach weiterhin regelmäßig im „Birkhof“ zu Besprechungen, Schulungen und Freizeitvergnügen.
Flankiert werden die Aufenthalte dort durch einen nicht unerheblichen Genuss von Alkohol und Nikotin, der sich aber auch sonst zu einem wesentlichen Element in Günthers Freizeitgestaltung entwickelt. Dabei wird der Konsum dieser Suchtmittel von offizieller Seite immer wieder als für „echte deutsche Jungen“ „unwürdig“ propagiert und bei offiziellen Veranstaltungen gänzlich verboten. Das kann viele der Brühler Jungvolkführer aber nicht davon abhalten, sich in ihrer Freizeit über solche Vorgaben hinwegzusetzen. Bei Günther jedenfalls gehören Alkohol und Nikotin seit 1940 zu den alltäglichen und selbstverständlich konsumierten Genussartikeln.
Vergnügungen stellen offenbar auch die „Kameradschaftsabende dar, die während des Krieges gemeinsam von den Führerinnen und Führern der einzelnen Brühler Einheiten der Hitlerjugend abgehalten werden. Hierbei sind es Günther Roos und Manfred Mammel, die sich als „Poeten“ für eigens zu diesen Anlässen produzierten „Bierzeitungen“ hervortun. Daraus geht auch hervor, dass diese Treffen der Jugendlichen nicht frei von antisemitischen Themen waren. So wird etwa offenbar regelmäßig das „Moses-Lied“ gesungen, das sich Günther Roos bis ins hohe Alter hinein ins Gedächtnis einbrennt.
Auch das Thema der „Euthanasie“ ist unter den Jugendlichen in dieser Zeit ein vieldiskutiertes Thema. Als Beispiel hierfür kann eine Argumentationskette gelten, wie ihnen zum Teil in der Schule, in erster Linie aber wohl im Rahmen von Führerschulungen nahegebracht wird und auch Christen eine Befürwortung der Tötungen ermöglichen soll. Günther vertritt diese Argumentation offen: „Was ist das höchste Gebot des Christentums? Du sollst Deinen Nächsten lieben! Wenn ich also einen hoffnungslos Kranken von seinem Leiden erlöse, so ist dies ein Akt der Nächstenliebe. Ich folge damit dem höchsten Gebot des Christentums, wenn ich dabei auch das Gebot, Du sollst nicht töten, welches gegenüber dem Gebot der Nächstenliebe einen niederen Rang hat, missachte. Die Sterbehilfe ist also etwas echt Christliches!“
Rückblickend räumt Günther Roos ein, dass es aber noch ein weiteres Element gab, dass sein wachsendes Engagement im Jungvolk befeuerte: Es sei insbesondere der in seinen Augen ausbleibende Erfolg bei Mädchen gewesen, der nach Kompensation auf anderem Gebiet verlangt habe. Nicht zuletzt deshalb habe er verstärkt und konsequent Kontakt zu höherrangigen Führern gesucht, um so seine eigenen Aufstiegsmöglichkeiten zu verbessern.