Jungstammführer: „Jetzt bin ich mein eigener Herr, endlich!“

Am 21. Januar 1941 wird Günther zum „Hauptjungzugführer“ befördert. Sein angestrebtes Fortkommen fordert nun zusehends mehr und mehr Engagement von ihm und verlangt das Ablegen letzter verbliebener „kindlicher“ Charakterzüge. Von Jungvolkführern wird gerade angesichts der Kriegsereignisse hartes und kompromissloses Verhalten erwartet, das mit unbedingten Gehorsam und strammer Disziplin gepaart sein muss. Nun ist er derjenige, der im „Birkhof“ Schulungen für niederrangige Jungvolkführer durchführt, was ihm zusätzliches Selbstbewusstsein einflößt.

Die immer spürbarer werdenden Auswirkungen des Krieges fördern Günthers Aufstieg maßgeblich. Immer mehr der hohen Führerpositionen sind vakant und warten auf eine Neubesetzung. Günthers bedingungsloses Streben nach Macht und die damit verbundene Entschlossenheit führen daher recht bald zur Beförderung zum „Fähnleinführer“. Am 15. September 1941 übernimmt er das Fähnlein in Pingsdorf. Er darf nun die grün-weiße-Führerschnur an der Uniform tragen und zeichnet für rund 100 Jungen im Alter von 10 bis 14 Jahren verantwortlich. „Jetzt bin ich mein eigener Herr, endlich!“, notiert er stolz und machtbewusst in sein Tagebuch. Und auch rückblickend kann sich Günther Roos gut an sein damaliges Gefühl erinnern: „Mit einem Wort: ich war jetzt wer!“

 

Für Günther ist das Jahr 1942 geprägt durch eine immer massivere ideologische Indoktrination und ein immer machtbesesseneres und skrupelloseres Verhalten. Dabei beginnt es harmonisch. Zum Jahresbeginn 1942 ist die Familie Roos zum letzten Mal in Brühl vereint. Vater Toni ist aus Frankreich angereist, und Bruder Gustav ist nach einer leichten Verwundung und anschließendem auf Besuch. Für Günther ist vor allem die Anwesenheit des Bruders ein großes Ereignis, der über die Lage an der Ostfront, den damit verbundenen Strapazen und vom tiefen und eiskalten Winter berichtet. Kurze Zeit später steht aber der erneute Abschied an. Am 1. Februar 1942 verabschiedet Günther seinen Bruder am Kölner Hauptbahnhof wieder Richtung Ostfront. Beide ahnen offenbar, dass es ein Abschied für immer sein wird, und Günther verharrt lange tränenüberströmt am Bahngleis.

Unvorhergesehene Ereignisse helfen ihm jedoch, sich aus dieser emotional aufwühlenden Situation zu lösen. Aufgrund einer Erkrankung des mit ihm befreundeten Brühler Jungstammführers Manfred Mammel kann Günther überraschend kurzfristig dessen Stellung übernehmen und steigt so Ende Januar 1942 zum ranghöchsten Jungvolkführer der Kleinstadt auf. Die offizielle Ernennung erfolgt allerdings erst ein knappes halbes Jahr später am 20. Juni 1942.

 

Damit ist aber auch der Zeitpunkt erreicht, an dem Günthers Ehrgeiz mit Blick auf die Jungvolkkarriere deutlich abnimmt und eine Interessensverlagerung eintritt. Nicht zuletzt durch Gustavs Abschied an die Ostfront sieht er nun auch seine Zukunft eindeutig in der Wehrmacht, zumal die ihm offenstehenden – sprich nebenamtlichen – Sprossen auf der Jungvolk-Karriereleiter allesamt erklommen sind und er in dieser Hinsicht keine persönlichen Vorteile mehr sieht. Am 4. Juni 1942, seinem 18. Geburtstag, notiert er in sein Tagebuch: „Geburtstag! 18 Jahre alt. Gefeiert habe ich nicht Warum? Dass ich so alt geworden bin und noch nichts geleistet habe? Ich möchte in den Krieg und wenn es auch noch so schwer fällt und mir das Recht zu leben erkämpfen.“

 

Rückblickend stellt Günther Roos hinsichtlich seiner schnellen „Karriere“ im Jungvolk fest, dass deren ersten Schritte nahezu „automatisch“ verlaufen seien, nachdem er die erste Stufe zum „Hordenführer“ genommen habe. Andererseits wird deutlich, dass er danach auf dem Weg bis zum Jungstammführer zu keinem Zeitpunkt davor zurückschreckte, seine Ellbogen hart und wirkungsvoll einzusetzen.