Einberufung und Rekrutenzeit: „Deutschland, Führer, nun gehöre ich ganz euch, euch allein fürs ganze Leben.“

Kaum aus dem Emsland in Brühl zurück, wird Günther seitens des Kölner Wehrbezirkskommandos mitgeteilt, dass er am 14. Oktober 1942 zur „Nebeltruppe“ nach Bremen eingezogen werde. Zu diesem Zeitpunkt ist selbst Günther noch immer vollkommen unklar, was die „Nebeltruppe“ überhaupt ist.

 

Obwohl er der militärischen Grundausbildung durchaus mit Ängsten entgegensieht, steht das angestrebte Ziel aber bereits fest: „Mein Ziel ist, möglichst bald Offizier zu werden.“ Günther setzt nun all seine Hoffnungen in eine militärische Karriere, weil ihm sein alternativer ziviler Berufswunsch als Architekt ihm nach eigener Einschätzung und im Vergleich zu Bruder Gustav zu dieser Zeit aufgrund fehlender Kreativität nicht besonders vielversprechend erscheint.

Ein überaus bedeutender Moment für ihn stellt die Vereidigung auf den, nein, auf „seinen“ „Führer“ am 26. Oktober 1942 dar. Ausweislich seines Tagebuchs handelt es sich dabei um den „höchsten Feiertag in meiner Soldatenlaufbahn“ und Günther Roos kann noch bis ins hohe Alter die Eidesformel fehlerfrei aufsagen. Das Versprechen mit diesem Eid auch das eigene Leben einzusetzen, ist für ihn damals von allerhöchster Bedeutung und stellt eine unauflösliche Verpflichtung dar: „Deutschland, Führer, nun gehöre ich ganz euch, euch allein fürs ganze Leben.“

 

Trotz sehr harter Ausbildung genießt Günther seine erste Zeit bei der Wehrmacht. Die „Spezialausbildung an den geheimnisvollen Werfern“ macht ihm besonders Spaß und seine Zeit als Rekrut stellt den Abschluss eines Jahres dar, in dem er sich von einem teilweise noch durch kindliche Verhaltensmuster geprägten Jungvolkführer zu einem immer überzeugteren und machthungrigeren Nationalsozialisten entwickelt hat.

 

Am 28. November 1942 erhält Günther eine Nachricht, die ihn zutiefst schockiert und für lange Zeit in seinen Grundfesten erschüttert. Bruder Gustav ist in der Nacht vom 29. zum 30. Oktober von einem Einsatz an der Front nicht mehr zurückgekehrt. Der Tod des stets idealisierten Bruders und zugleich besten Freundes, der sowohl Vorbild als auch der engste Vertraute von Günthers war, ist ein tiefgreifender Schicksalsschlag und veranlasst ihn, seine eigene Situation zu überdenken. Plötzlich erscheint der zivile Beruf des Architekten, den auch Gustav ergreifen wollte, als eine Art Vermächtnis wieder als realistische Option. Auch die Reaktion der Eltern befördert Günthers Sinnkrise, weil sein Vater hinter seinem Rücken den Antrag stellt, seinen Sohn wegen Gustavs Tod aus der kämpfenden Truppe zurückzuziehen.