„Frontbewährung“ in Russland: „Das war Quatsch, das mit dem 'Untermenschentum'.“
Als dann aber der Einsatz im Osten – die im Rahmen der ROB-Ausbildung obligatorische „Frontbewährung“ - immer näher rückt, zeigt sich Günther aber glücklich. nun endlich doch seinen Teil zum weiterhin nicht in Frage gestellten deutschen Sieg beitragen zu können: „Der Krieg, Russland liegt vor mir, und ich gehe gern hin.“ Vor seiner Abreise unerwartet zum Unteroffizier befördert, und tritt er am 26. August 1943 stolz seinen Weg über Hannover und Berlin in Richtung Brjansk, Russland an und damit an genau jenen Ort, in dessen Nähe Bruder Gustav ein knappes Jahr vorher ums Leben gekommen war.
Aufgrund des Rückstellungsauftrags seines Vaters wird Günther dort aber zunächst nicht an vorderster Fronteingesetzt, sondern der „leichten Kolonne“ einer Nachschubeinheit zugeteilt, was ihn sehr ärgert.
Die Tatsache, dass sich die deutschen Einheiten aufgrund russischer Offensiven immer wieder mehrere Kilometer zurückziehen müssen, lässt Günther weitgehend unbeeindruckt. Die jahrelange Indoktrinierung, das so aufgebaute Vertrauen in das Genie des „Führers“ und die daraus resultierende Siegeszuversicht helfen ihm, die Unfähigkeit der Wehrmacht zu Offensivaktionen in „elastische Rückzüge“ umzudeuten: „Hauptsache, dass wir siegen, und das müssen und werden wir auch!“
Günthers Weltbild ist zu Beginn seines Russlandaufenthalts noch vollkommen durch die NS-Ideologie und deren gegenüber der russischen Bevölkerung propagierte „Untermenschentum“ geprägt. Mit zunehmender Dauer des Aufenthalts und dabei entstehenden Kontakten zu den Einwohnern wandeln sich seine rassistischen Vorstellungen allmählich, denn das Verhalten der Menschen ist durchweg gut und von großer Freundlichkeit geprägt. Günther reagiert zunächst sichtlich irritiert: „Das ist also Russland. Ich muss sagen, dass ich über das Land etwas enttäuscht bin. Soviel Kultur hatte ich mir nach den Erzählungen gar nicht vorgestellt.“
Eine besondere Rolle im Prozess der Annäherung spielt Wera, die Dolmetscherin eines deutschen Wehrwirtschaftsführers, die Günther bei der Lebensmittelbeschaffung in einem russischen Dorf kennenlernt und die sein NS-Weltbild ins Wanken bringt: „Ja, ich hab sie lieb und sie mich auch. Herrgott, warum ist sie Russin und keine Deutsche?“ Beide treffen sich nun regelmäßig und besprechen auch politische Themen, wobei Günther „viele Parallelen“ zwischen Nationalsozialismus und Bolschewismus entdeckt, als deren entscheidender Unterschied bei ihm letztlich „nur“ noch die „Rassenfrage“ bleibt. Auch wenn sich die offiziell streng verbotene Beziehung auf sexueller Ebene nur auf einige „heiße Küsse“ beschränkt, hat sie nachhaltige Auswirkungen auf Günthers Einstellung: „Wir haben festgestellt, dass das ganz liebenswerte Menschen sind. Das war Quatsch, das mit dem ‚Untermenschentum‘.“