Selbstverstümmelung?: „Bisher haben wir fünf Jahre durchgehalten, dann wollen wir doch nicht im Endspurt schlapp machen!“
Die „Verfügung über die Zurückziehung einziger Söhne“, die Günther auf Antrag seines Vaters zunächst vor dem direkten Fronteinsatz bewahrt, wird Mitte September 1943 aufgehoben und er daraufhin am 9. November schließlich doch zur Gefechtsbatterie an die Front abkommandiert. Hier hat muss Günther bereits am 14. November seinen ersten harten Einsatz bestehen, der ihn mit der unerbittlichen und grausamen Realität des Krieges und dem stets gegenwärtigen Tod konfrontiert: „Hier im Graben hatte ich mein unangenehmstes Erlebnis. Im Graben lag ein toter Landser, und wir mussten über ihn hinwegsteigen. Scheiße. Dann kam der Befehl von unserer Abteilung, zurückzukehren. Gott sei Dank! In der alten Feuerstellung sah es toll aus. Das ganze Gelände umgepflügt. Überall tote Sowjets. Jetzt sah man erst, was los war und welch ein Schwein wir gehabt haben.“
Einige Tage später droht erneut Gefahr, in die sich Günther allerdings selbst bringt, als ihm die hohe Fehleranfälligkeit seiner Maschinenpistole MP 38 - in Soldatenkreisen spöttisch auch als „Heeresselbstmordgerät“ bezeichnet – zum Verhängnis wird. Beim Reinigen der Waffe schießt er sich nämlich versehentlich in den Fuß. Die eigentliche Verletzung stellt allerdings das kleinste hieraus erwachsende Problem dar. Weitaus größere Sorge bereitet ihm der Umstand, dass diese Art von Verletzung als Selbstverstümmelung ausgelegt werden kann, deren Bestrafung zunehmend strenger gehandhabt wird und auch die Todesstrafe zur Folge haben kann.
Günther meldet sich daher umgehend bei seinem vorgesetzten Leutnant und berichtet ihm wahrheitsgemäß über den Unfall. Da der Leutnant die Schilderung des tatsächlichen Hergangs als für Günther zu gefährlich einschätzt, ersinnen beide eine plausiblere Geschichte, wonach sich bei einem Sturz ein Schuss gelöst habe. Diese Verschleierungstaktik hat Erfolg und Günther wird gar das „Verwundetenabzeichen“ verliehen, das er fortan stets und mit großem Stolz trägt.
Als Folge der Verletzung verbringt Günther den Jahreswechsel 1943/44 im Lazarett in Borisow, von wo er schließlich ins Lazarett nach Rollshausen verlegt wird. Trotz einiger Komplikationen verheilt seine Verletzung gut und nach einem dreiwöchigen Heimaturlaub in Brühl kehrt er am 28. März 1944 in die Kaserne nach Celle zurück, um hier nun einen „Fahnenjunkerlehrgang“ zu absolvieren. Die in diesem Zusammenhang erneut an ihn gerichtete Frage, ob er nicht doch noch aktiver Offizier werden wolle, lehnt er erneut mit dem Verweis auf seinen Berufswunsch Architekt ab.
Günthers Gefühlswelt ist aber auch zu diesem Zeitpunkt noch eindeutig von Siegeszuversicht bestimmt: „Bisher haben wir fünf Jahre durchgehalten, dann wollen wir doch nicht im Endspurt schlapp machen! Ich bin fest davon überzeugt, dass große Dinge in der nächsten Zeit geschehen werden. Die kurze Zeitspanne müssen wir eben noch durchhalten!“