Kriegsgefangenschaft: „Ich war stumpf und apathisch. Eine Welt war für mich zusammengebrochen.“
Zunächst wird Günther zur Gefangenensammelstelle nach Marienheide gebracht, wo er zwei Nächte mit zahlreichen anderen Gefangenen im Freien verbringen muss. „Ich war stumpf und apathisch, eine Welt war für mich zusammengebrochen.“
Am 23. April wird er nach Remagen-Sinzig in das dortige große Rheinwiesenlager überführt, wo die Gefangenen eingezäunt unter freiem Himmel auf verschlammten Wiesen interniert sind. Weil die US-Division mit der Organisation des rasend schnell wachsenden Lagers vollkommen überfordert ist, wird diese den deutschen Gefangenen selbst überlassen. Aufgrund seiner Englischkenntnisse und seines Dienstgrades wird Günther umgehend zum „Cage-Kommandanten“ ernannt.
Die katastrophalen Zustände der Rheinwiesenlager bleiben Günther Roos trotz einer vergleichsweise kurzen Aufenthaltsdauer zeitlebens in lebhafter Erinnerung: „Nach und nach entlud ein Truck nach dem anderen seine Fracht an Gefangenen, darunter Schwerverwundete und frisch Amputierte aus einem Lazarett in Brilon. Und es herrschte ein Sauwetter. Schnee wechselte mit Hagel, Regen und Sonnenschein ab. Dazu pfiff ein eisiger Wind durch das Rheintal. Wie eine Hammelherde rotteten wir uns in der Nacht zusammen, damit einer den anderen wenigstens etwas vor dem kalten Wind schützte. Nach und nach verwandelte sich die Wiese in eine fußhohe Schlammschicht. Am nächsten Morgen legten wir mehr als zehn in der Nacht verstorbene Kameraden den Amis an das Tor des Cages. Dann schnappte ich mir zehn kräftige Feldwebel. Mit diesen durchkämmte ich das Lager. Wer noch eine Zeltbahn besaß dem nahmen wir sie ab, damit wir wenigstens den Schwerverwundeten eine provisorische Unterkunft besorgen konnten. Dann gab's Wasser. Ein Tankwagen mit bräunlichem Rheinwasser, das mit Chlor versetzt war stand bereit. Fast sechs Stunden stand ich dann für einen Becher Wasser an. Und dann brach die zweite, endlose Nacht an, in der wir uns wieder in Pulks vor der Kälte der Nacht zu schützen versuchten.“
Zu seinem Glück wird Günther bereits am 26. April mit anderen Gefangenen in Viehwaggons nach Attichy in Frankreich gebracht. Hier erreicht ihn am 2. Mai die Nachricht, der „Führer“ sei „im Kampf gegen den Bolschewismus in Berlin gefallen“, was er anfänglich nicht wahrhaben will: „Ein Giganten-Leben hat sich erfüllt. Mit ihm ist Deutschland gefallen! Der Traum vom Reich! Man kann es nicht fassen. Das Ende?“ Und die kurz darauf folgende bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht kommentiert er am 9. Mai mit den Worten: „Deutschland hat zum zweiten Mal verspielt. Sechs unendlich harte Jahre voller Not, Arbeit und Tod scheinen abermals vergebens gewesen zu sein. Waren es die letzten, heroischen Zuckungen eines sterbenden Volkes? Man kann es einfach nicht fassen?“
Die Suche nach Perspektiven und die Lösung vom Nationalsozialismus werden von den Alliierten in Attichy unterstützt. Im Lager werden zahlreiche Vorträge und Vorlesungen aus verschiedenen Wissensgebieten angeboten, die Günther zwar gern besucht, die zunächst aber noch nicht dazu beitragen, sein durch die NS-Ideologie geprägtes Weltbild tatsächlich ins Wanken zu bringen. So tut er etwa die den Gefangenen vorgeführten Filmaufnahmen aus befreiten deutschen Konzentrationslagern als „primitive Gräuelpropaganda“ ab.
Die Zustände in Attichy sind ihrerseits durch eine mangelhafte Versorgungslage geprägt, so dass der Hunger Günthers stetiger Begleiter ist, der sich erst etwas abmildert, als er wegen einer Stirnhöhlenvereiterung einige Tage im Lazarett verbringt. Im Lager erlebt Günther zudem den Tag seiner Volljährigkeit und „feiert“ hier am 4. Juni seinen 21. Geburtstag.
Überraschend schnell wird er am 29. August 1945 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, nach einer ärztlichen Untersuchung von den britischen Militärbehörden übernommen und am 4. September nach Bonn gebracht: „Frei! Endlich wieder frei! Das neue Leben hat begonnen.“