Vergangenheitsbewältigung und Berufseinstieg: ""Ich fasste den Stock fest mit der rechten Hand, um sie nicht zum Gruß erheben zu können."

Dennoch bemüht sich Günther sein Abitur abzulegen, um anschließend das angestrebte Architekturstudium beginnen zu können. Diese Hoffnung erlebt jedoch am 21. März, dem Tag der Abiturprüfung, einen herben Dämpfer, als der „tief erschütterte“ Abiturient erfährt, dass aufgrund neuer alliierter Bestimmungen ein Studium für ehemalige Hitlerjugend-Dienstgrade vom „Scharführer“ aufwärts künftig untersagt ist.

Das größte Problem stellt in diesen Tagen allerdings die zunehmend desaströse Versorgungslage dar: „Die Verpflegung ist saumäßig. Wie sind tatsächlich am Hungern. Kein Mensch kann mit diesen knappen Zuteilungen auskommen.“ Natürlich sieht Günther diese Versorgungsengpässe nicht als Folge von NS-Regime und des von ihm ausgelösten Krieges, sondern schiebt – wie mit ihm viele Deutsche - die Verantwortlichkeit hierfür den Siegermächten zu. Als Günther im Sommer 1946 vor dem Brühler Entnazifizierungsausschuss erscheinen muss, fällt es ihm auch nach mehr als einem Jahr noch immer schwer, alte Gewohnheiten beim Betreten eines Amtszimmers abzulegen: „Da mir mein verwundeter Fuß mal wieder Beschwerden machte, ging ich mit einem Stock. Ich fasste also den Stock fest mit der rechten Hand, um sie nicht zum Gruß erheben zu können, und betrat das Zimmer.“ Nach nur kurzer Befragung wird er zu seiner eigenen Überraschung jedoch unmittelbar als entlastet eingestuft. Im September 1946 muss er erneut einen ausführlichen Fragebogen ausfüllen und sich vor dem Ausschuss rechtfertigen. Notwendig geworden war die neuerliche Überprüfung durch die Anfang Juli verfügte und für ihn erfreuliche „Jugendamnestie“ für all jene, die nach dem 1. Januar 1919 geboren worden sind. Die Möglichkeit eines Studiums rückt damit für Günther wieder in greifbare Nähe.

Das Lesen und die Entdeckung neuer Literatur, zu der ihm während der NS-Zeit der Zugang verwehrt war, spielt in dieser Zeit für Günther Roos eine wesentliche Rolle und führt schließlich zur entscheidenden Wende in seinem Denken. Die Lektüre des Antikriegs-Romans „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque stellt für ihn eine Art „Erweckungserlebnis“ dar, über das Günther in seinen Tagebuch notiert: „Abgründe sind es, die sich auftun, wenn ich so mein Soldatentum betrachte, aber es kam ja auch noch die unendliche Liebe zu meinem Großdeutschen Vaterland hinzu, und der endlose Hass gegen all seine Feinde. Aber ziehen nicht gerade Abgründe den Menschen an, und lösen in ihm einen Schauer wollüstiger Furcht aus? War es Recht oder Unrecht? Wer kann diese Frage entscheiden. Für mich galt als Recht das, was gut ist für das Volk und für das Blut, das in mir kreist. Ich muss mein Leben vor meinen Ahnen und Enkel verantworten können.“

Auch sonst liest er alles, was ihm zuvor nicht zugänglich war. „Und ich verschlinge alles“, schreibt er. Auf dieser Suche nach einer neuen geistigen Heimat trifft sich Günther verschiedentlich sogar mit einem ihm bekannten Vertreter der KPD, um sich von ihm „kommunistische Literatur zu Studienzwecken“ auszuleihen.

 

Die Bemühungen um einen Studienplatz führen jedoch nicht zum gewünschten Erfolg, sondern sind durch zahlreiche Rückschläge und Absagen geprägt. Hier motiviert Günther dann aber seine erste große Liebe zu Inge, die er im Herbst 1946 kennenlernt: „Herrgott, was sind wir doch verliebt und glücklich!! Wäre ich doch nur schon einmal so weit, dass ich an die Erfüllung, an die Heirat denken könnte. Ich muss jetzt einfach vorwärts kommen!“ Er ist nun nicht mehr bereit, sein ziviles Leben aufzugeben, löst sich zusehends von seiner lange Zeit praktizierten Glorifizierung des Soldatentums und verzichtet endgültig auf die kleinen Fluchten in die NS-Vergangenheit.

Um die Wartezeit bis zum Studium zu überbrücken, beginnt Günther im Mai 1947 ein Praktikum beim Brühler Stadtbauamt, um hier erste Erfahrungen für das Architektur-Studium sammeln zu können. Dabei eröffnet sich unversehens die Möglichkeit, eine interessante Tätigkeit bei den Westdeutschen Asphalt-Werken übernehmen zu können. Günther greift zu und beginnt am 1. Januar 1948 mit viel Enthusiasmus und Euphorie seine neue Tätigkeit, die den Grundstein für eine dauerhafte Karriere im Unternehmen darstellen wird.