Resümee: „Ein Verbrecher, ganz eindeutig ein Verbrecher, der Millionen von Menschen sinnlos geopfert hat.“
Günther Roos fühlt sich nach 1945 lange schuldfrei an der jüngsten Vergangenheit und nutzt wie viele seiner Zeitgenossen die Vorstellung der vermeintlichen Alleinschuld Hitlers und seiner engsten Gefolgsleute als Alibi und Schutz vor dem Eingeständnis eigener Verstrickung und eigener Verfehlungen.
Mit der Zeit gelingt es ihm jedoch, sich Schritt für Schritt in die neuen politischen Gegebenheiten einzufinden, das demokratische System der jungen Bundesrepublik zu akzeptieren und sich darin auch wohl zu fühlen. Parallel zu seinem beruflichen Erfolgen gründet er eine Familie und wird in den frühen 1960er Jahren Vater von zwei Töchtern.
Erst sehr viel später beginnt Günther Roos damit, seine zwischen 1936 und 1948 verfassten Tagebücher zu sichten, zu transkribieren und zu kommentieren. Durch diese Ende der 1980er Jahre aufgenommene Arbeit eröffnet er sich und der Nachwelt einen sehr ehrlichen und ungeschönten kritisch-reflektierenden Blick auf seine Vergangenheit und seine Rolle während der NS-Zeit.
Das Bild, das er nun von Adolf Hitler, früher für ihn der „gottähnliche Führer“ gewinnt, ist eindeutig: „Ein Verbrecher, ganz eindeutig ein Verbrecher, der Millionen von Menschen sinnlos geopfert hat für eine wahne Idee, dass wir nämlich ein ‚Volk ohne Raum‘ wären.“
Aber trotz einer solch aktiven Auseinandersetzung mit der eigenen Verstrickung ins NS-System prägen deren Auswirkungen Günther Roos bis ins hohe Alter hinein. So hat er beispielsweise bis zu seinem Tob im Jahr 2013 mit dem tief in ihm verankerten Begeisterung für alles Soldatische und rassenideologischem Gedankengut zu kämpfen: „Da ist einmal der politische Aspekt. Bei der Verarbeitung meiner Tagebücher oder bei Filmberichten über den Nazistaat bewegen sich meine Gefühle zwischen Scham, Unverständnis und Grauen. Etwas zwiespältiger sind meine Empfindungen, wenn ich Berichte über die Wehrmacht sehe. Da sind die Erkenntnis und das Bewusstsein über die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Krieges. Auf der anderen Seite muss ich gestehen, dass trotz meiner pazifistischen Grundeinstellung und entgegen aller Vernunft, mein Puls z.B. bei dem Anblick einer Parade der alten Wehrmacht um etwa fünf Schläge beschleunigt wird.“
Insbesondere prägt ihn auch weiterhin der über Jahre anerzogene anerzogene und gelebte Antisemitismus. Während für ihn mittlerweile einerseits völlig außer Frage steht, dass das alles „totaler Quatsch“ ist, „funktioniert“ der antisemitische Impuls bei ihm bis ins hohe Alter hinein. Er trägt weiterhin ein der NS-Rassenideologie entspringendes Bild des „typischen Juden“ in sich, von dem er im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung dann bestimmte, in den Jahren zwischen 1933 und 1945 durch eine massive Propaganda immer wieder suggerierte Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften erwartet.
Abgesehen von solch regelrecht „eingebrannten“ Ressentiments und der fortbestehenden inneren Wirkung alles Militärischen entwickelt sich Günther Roos zu einem Pazifisten, was auf den ersten Blick als Widerspruch erscheinen mag. Er und seine Familie reisen viel und leben dabei aktiv den Gedanken der Völkerverständigung. In den 1970er Jahren ermutigt er eine seiner Töchter, eine Brieffreundschaft mit einem farbigen englischen Mädchen einzugehen, woraus sich eine Freundschaft zwischen ihm und dessen Vater entwickelt. Als die beiden Männer herausfinden, dass sie während des Krieges zur gleichen Zeit nahezu am selben Frontabschnitt eingesetzt waren, müssen sie erschrocken feststellen, dass sie theoretisch aufeinander hätten schießen können.
Sein Wissen und seine schmerzlichen Erfahrungen stellt Günther Roos in seinen späteren Jahren zudem als „Zeitzeuge“ zur Verfügung. Es ist ihm ein sehr großes Bedürfnis, gerade seine eigene Verstrickung in das NS-System offenzulegen und nach den Ursachen hierfür zu fragen. Er besucht zahlreiche Schulklassen, erzählt seine Lebensgeschichte und diskutiert mit den Schülerinnen und Schüler über die Gefahren von Verführung und Indoktrination.